MESROP Arbeitsstelle für Armenische Studien
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Mesrop und Luther

Mesrop und Luther - Eine Begegnung an der Leucorea

Mit dem Namen “Leucorea” wurde die von Kurfürst Friedrich III. im Jahre 1502 gegründete Universität Wittenberg bezeichnet (von griechisch-lateinisch “leucos” – “weiß” und “oros” – “Berg”, also die “Weißenbergische” bzw. niederdeutsch “Wittenbergische” Universität). Am 6. Juli 1502 erteilte Kaiser Maximilian das Gründungsprivileg, und am 18. Oktober 1502 erfolgte die feierliche Eröffnung. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte die Leucorea schon nach wenigen Jahren durch das Wirken Martin Luthers und Philipp Melanchthons. Im Jahre 1517 schlug Luther seine 95 Thesen an die Tür der Universitätskirche (d. h. der Schloßkirche) und setzte damit eine Bewegung in Gang, die das Antlitz Europas und der ganzen Welt tiefgreifend verwandelte. Nach wechselhaften Entwicklungen feierte die Universität im Jahre 1802 ihr 300jähriges Bestehen. Nachdem der Wiener Kongreß das Gebiet um Wittenberg dem Staat Preußen zuordnete, wurde die Leucorea im Jahre 1817 mit der preußischen Friedrichs-Universität zu Halle vereinigt. Diese Universität hieß danach “Vereinigte Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg”. Seit 1933 führt die Universität Halle zur Erinnerung an die großen Wittenberger Traditionen den Namen “Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg”. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands beschloß die Landesregierung Sachsen-Anhalt, im Sinne einer Erneuerung der Leucorea eine Stiftung des öffentlichen Rechts zu gründen, um die alten Universitätsgebäude in Wittenberg erneut für wissenschaftliche Veranstaltungen zu nutzen. Die Stiftung “Leucorea”, Heimstätte auch der MESROP Arbeitsstelle, unterstützt heute auf vielfältige Weise die Pflege von Wissenschaft, Lehre und Forschung.

Mesrop und Luther - Innovator und Reformator

Daß in der Wiege der lutherischen Reformation ein armenisches Forschungszentrum das Licht der Welt erblickt hat, mag viele auf den ersten Blick verwundern. Der Name der Arbeitsstelle, Mesrop deutet jedoch auf tiefe Berührungspunkte hin. Der hl. Mesrop, auch Maschtotz genannt, entwickelte mit seinen Schülern im 5. Jahrhundert n. Chr. das noch heute benutzte armenische Alphabet und legte damit die Grundlagen der schriftlichen Kultur Armeniens. Wir können das armenische Alphabet neben anderen bedeutenden Alphabeten der Welt z. B. an dem “Schrank der Schriften” in der Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle (Saale) entdecken. Diese Darstellung des armenischen Alphabets in Halle ist sogar älter als die berühmte des venezianischen Malers Tiepolo, der es um 1750 im prächtigen Treppenhaus der Würzburger Residenz malte. Mesrop und seine Schüler übersetzten die Bibel und wichtige Werke der Kirchenväter. Mesrop verfaßte auch Gebetshymnen (Scharakane), die heute noch in der armenischen Liturgie gesungen werden. So ist das Werk des Innovators Mesrop aus dem 5. Jahrhundert und des Reformators Luther im 16. Jahrhundert durchaus vergleichbar. Beide haben ihre jeweiligen Kulturen nachhaltig geprägt.

Über diese historischen Parallele hinaus steht der Name “Mesrop” als Sinnbild für den Beginn und Abbruch der deutsch-armenischen Beziehungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Jahre 1914 erschien in Berlin die erste Nummer der zweisprachigen Zeitschrift "Mesrop", deren Herausgeber, Dr. Johannes Lepsius (18581926), gleichzeitig die Deutsch-Armenische Gesellschaft gründete. Aber das bereits druckfertige Manuskript der zweiten Nummer des “Mesrop” konnte wegen des Ausbruchs des 1. Weltkrieges nicht mehr erscheinen. Die starken wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Armenien wurden in diesem Kriege durch den Genozid an der armenischen Bevölkerung im Osmanisch-Türkischen Reich, dem Bundesgenossen des kaiserlichen Deutschland, fast völlig unterbrochen. Heute existiert die Deutsch-Armenische Gesellschaft wieder und gibt ihr Organ unter dem Namen “Armenisch-Deutsche Korrespondenz” heraus.

Die MESROP Arbeitsstelle für Armenische Studien knüpft an die guten und langen Traditionen der deutsch-armenischen Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen an und will sie durch Lehre und Forschung fördern.